Lena

 

In der 12. Klasse wusste ich, dass ich Hebamme werden möchte. Es war mir einfach klar. Ich machte zu der Zeit schon die ersten Schritte in Richtung Feminismus und war fasziniert von der Leistung, die ein Mensch mit Uterus erbringt, wenn sie ein eigentlich recht großes Etwas, durch ihre Vagina auf die Welt befördert. Ich fand es beeindruckend, dass das funktioniert. Das Menschen mit Vulva so etwas können.

Nach dem Abitur reiste ich ein Jahr durch Lateinamerika und absolvierte mein Praktikum in einem Kreißsaal in Lima, Peru. Dort sah ich zum ersten Mal eine Geburt. Während der Dammschnitt vorgenommen wurde, zählte ich die Lamellen an der Decke. Als ihr das Kind nach der Geburt weggenommen wurde, um es auf die Kinderstation zu bringen, weinte ich. Die Hebammen machten sich über mich lustig und sagten mir, dass ich, um Hebamme zu werden, noch sehr viel härter werden müsse, aber dann würde ich es sicher schaffen.

Bin ich jetzt härter?

 

 

Zurück in Hamburg schrieb ich circa 40 Bewerbungen, um irgendwo in Deutschland einen Ausbildungsplatz zur Hebamme zu erhalten. Nach der weiß-ich-nicht-wievielten Bewerbung erhielt ich die Einladung zu einem Vorstellungsgespräch in München und bekam dort einen der heiß begehrten Plätze.

Es war nicht ganz einfach als „Zugereiste“ in dieser Stadt anzukommen, aber irgendwie klappte es doch ganz gut. Mein erster Einsatz im Krankenhaus war auf der Inneren Station. Mein erster Auftrag, bei einer Endoskopie dabei zu sein.

Während sie dem sich aufbäumenden Mann unter Schreien den Endoskopie-Schlauch rektal einführten versuchte ich die Lichter an der Decke zu zählen, um nicht umzukippen. Allerdings konnte ich dieses Mal nicht nichts sagen, sondern merkte lediglich an, dass der Mann noch nicht richtig narkotisiert sei. Das brachte mir nicht nur Ärger ein. Eine Krankenschwester, der ich von der Situation erzählte, lachte mich aus und sagte, wenn ich wirklich Hebamme werden möchte, müsste ich noch ein bisschen härter werden.

Bin ich jetzt härter?

Während einer Geburtsnachbesprechung in der Ausbildungszeit wurde mir gesagt, ich hätte ruhig ein bisschen härter durchgreifen können, damit die Frau auch macht, was ich sage.

Bin ich jetzt härter?

Während meiner Zeit in Mexiko arbeitete ich zum einen in einer Klinik in Mexiko City im Kreißsaal, zum anderen in einem Projekt auf dem Land. In dem Kreißsaal wurde bei jeder Frau routinemäßig eine manuelle innere Nachtastung gemacht. Mir wurde jedes Mal schlecht und ich weigerte mich, diese durchzuführen.

Nein. Ich bin nicht härter geworden! Und ich möchte mich auch heute nicht gegen den Willen einer Gebärenden durchsetzen, während sie gebärt. Es ist ihre Geburt, nicht meine. Ich möchte auch nicht mehr wegschauen müssen, wenn Menschen unwürdig und menschenverachtend behandelt werden.

Mir geht es darum, misogynes Verhalten in der Medizin zu bekämpfen und aufzuzeigen. Mir geht es darum, für möglichst alle Gebärenden ein Umfeld zu schaffen, in dem sie sich fallen lassen und öffnen können, ohne Angst haben zu müssen, dass etwas getan wird, was sie nicht möchten.

Ich habe mich für die originäre Hebammenarbeit in der außerklinischen Geburtshilfe entschieden, da ich finde, dass die Gebärende hier am aktivsten über den Verlauf ihrer Geburt entscheiden kann. Viele Gebärende brauchen nicht viel außer ihren eigenen Rhythmus und ihre eigene Kraft und möglichst wenige Eingriffe von außen. Falls sie Anregungen brauchen, Ideen, Hilfe oder Rat suchen, bin ich da und stelle mein Wissen und meine Hände zur Verfügung.

Ich möchte Menschen mit Uterus in der für sie vielleicht anstrengendsten, teilweise schwierigsten und schönsten Situation zugleich unterstützen. Durch partizipative Hebammenarbeit während ein neuer Mensch die Welt erblickt. Durch gute Absprachen im Vorfeld, Feinfühligkeit in der Situation und aktives Nachfragen, welche Bedürfnisse gerade im Vordergrund stehen. Durch die Förderung der bewussten und informierten Entscheidung, den für den jeweiligen Menschen richtigen Geburtsort zu finden.

Das muss nicht immer das eigene Zuhause sein. Es muss auch nicht immer das Geburtshaus sein.

Es muss aber die Wahlmöglichkeit geben.

Diese Möglichkeit soll es in Zukunft auch in Hamburg geben.Ich wünsche mir eine gute Zusammenarbeit mit den Kliniken, den niedergelassenen Gynäkolog*innen und Pädiater*innen, den Hausgeburtshebammen und der Stadt Hamburg!

 



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