Lange Nacht im Juni – Should I stay or should I go (now)?

Lange Nacht im Juni - Should I stay or should I go (now)?

Mittlerweile ist unser Kleiner schon ein paar Monate alt, also habe ich vermutlich schon ein paar Einzelheiten der Geburt vergessen. Ich möchte es euch trotzdem aus meiner Perspektive als Mutter erzählen.

Die Wehen starten in der Nacht so zwischen 23 Uhr und 24 Uhr. Erst denke ich, es handelt sich um die “normalen“ Übungs- oder Senkwehen, die ich die Tage und Wochen zuvor abends öfter mal hatte. Ich wundere mich und denke „Komisch, das hört ja gar nicht auf. Langsam wird’s echt ein bisschen nervig.“ Ich will ja schlafen. Ich schaue immer wieder aufs Handy, wie die Zeit vergeht und ich einfach nicht einschlafe, weil dann doch immer wieder eine Wehe kommt. Irgendwann, so gegen halb vier / vier Uhr stehe ich auf. So langsam denke ich, vielleicht geht’s ja los mit der Geburt? Um meinen Freund nicht zu wecken, gehe ich ins Wohnzimmer und mache die Türen zu. Um mir die Zeit zu vertreiben, lege ich noch eine Schallplatte auf (Dark Wave) und puzzle auf dem Esstisch. Ab und zu ist mir auch danach ein wenig zu tanzen und mitzusingen. Die Wehen sind noch nicht wirklich schmerzhaft, sondern wirklich mehr als Kontraktionen / Zusammenziehen im Unterleib spürbar. Der Krümel im Bauch will scheinbar auf die Welt.

Gegen halb sechs /sechs wird es ungemütlicher. Ich brauche jetzt doch mal das TENS-Gerät, denke ich. Dazu wecke ich meinen Freund und sage ihm, dass ich glaube, dass es losgeht. Er steht auf und fragt mich, welche Abstände wir haben. Ich hab´s allein nicht geschafft zu tracken. Ich merke erst irgendwann in der Wehe, dass die Welle den Höhepunkt erreicht und wieder weg geht. Das TENS ist ganz cool. Ich habe das Gefühl, ein Stück „Kontrolle“ zu behalten bzw. den Fokus auf die Wehen richten zu können. Um halb sieben rufen wir unsere Hebamme Eline an und vereinbaren, dass sie zu uns nach Hause kommt. Um halb acht kommt sie vorbei und misst die Vitalparameter bei mir und dem Kleinen. Soweit alles gut. Sie schätzt ein, dass es jetzt nicht mehr aufhören wird und die Geburt von meinem Körper vorbereitet wird. Wir vereinbaren, um halb eins wieder zu telefonieren.

In der Zwischenzeit werden die Wehen immer heftiger und auch schmerzhafter. Mit dem TENS komme ich aber weiterhin ganz ok da durch und konzentriere mich sehr auf die Ausatmung: Wie viele Atemzüge bis die Welle vorüber ist? So langsam merke ich, dass ich nicht geschlafen habe, es wird schwieriger, mich auf die Welle zu konzentrieren, irgendwie ist es zuhause zu hell.

Als wir um halb eins mit Eline telefonieren, kann ich nur kurz reden, bis die nächste Wehe heran rollt. Dann wird mir plötzlich übel und ich muss alles, was ich noch geschafft habe zu essen, wieder erbrechen. Eline fragt mich, ob ich zum Geburtshaus kommen will. Ich sage ja. Das fühlt sich jetzt richtig an, dorthin zu gehen. Mein Freund ruft das Taxi, wir haben sogar Inkontinenzauflagen, falls spontan die Fruchtblase reißt. Der Taxifahrer ist beruhigt.

Gegen halb zwei kommen wir beim Geburtshaus an. Ich ziehe im Flur schnell die Schuhe aus und laufe ins blaue Zimmer. Ich fühle mich direkt geborgen und wie in einer Höhle. Mein Körper reagiert gefühlt sofort mit heftigen Wehen. Ab jetzt ist alles doller und krasser auszuhalten. Ich habe immer noch das TENS an mir. Ich verarbeite Wehen am Geländer. Eline fragt mich irgendwann, ob ich in die Wanne möchte. Ich sage ja. Das Wasser ist schön warm. Eline bzw. mein Freund gießen mir warmes Wasser über Kreuzbein und Rücken. Das hilft mir beim Veratmen. Ich habe kein Zeitgefühl mehr. Ich atme nur von Wehe zu Wehe und versuche meinen Körper zu öffnen für den Kleinen im Bauch.

Immer mehr wird mein Ausatmen zum Wimmern und ich sage irgendwann „so langsam habe ich keine Lust mehr!“. Ein Teil von mir checkt, dass ich vielleicht schon ganz gut vorangekommen bin. Eline bietet mir an, mich vaginal zu untersuchen. Ich willige ein. Der Muttermund ist bei 8 cm. Sie ermutigt mich und sagt, dass der Kleine sich zur Not auch an den letzten zwei cm vorbeischiebt. Ich bin beruhigter bzw. ein bisschen erleichtert, dass ich schon so weit gekommen bin. Irgendwann ändert sich was, ich muss auf einmal pressen und atme anders aus. Ich kann nicht unterscheiden, was ich anspanne, alles im Beckenbereich ist gefühlt eins. Als ich drücken muss und ein bisschen Kot mit rauskommt, checkt irgendwas in meinem Kopf, dass ich scheinbar in der Pressphase angekommen bin. Die ganze Zeit werden meine und die Herztöne vom Kind immer wieder in den Wehenpausen gemessen. Eline schlägt mir verschiedene Positionen vor. Aber das meiste fühlt sich nicht so super an. Ich bin viel im Vierfüßlerstand. Die Schmerzen werden anders, es ist eher jetzt ein Mitschieben statt so wie vorher „gedehnt“ zu werden.

Irgendwann sind die Herztöne vom Kleinen auffällig niedrig, bzw. schwer zu hören. Ich muss aus der Wanne raus. Die Hebammen stützen mich dabei. Sie untersuchen mich auf dem Bett. So im halb liegen sind die Wehen wieder ganz doof auszuhalten. Die Herztöne verbessern sich nicht nachhaltig. Die Verlegung ins Krankenhaus steht an. Das geht gefühlt alles sehr schnell. Ich bekomme eine Netzunterhose und ein Hemd mit Hilfe angezogen. Ich höre unbewusst die Sirenen des Krankenwagens. Mein Körper presst aber weiter. Verzweifelt frage ich, was ich machen soll, wenn die nächste Wehe kommt. „Dann presst du! Du willst den Kopf gebären!“ Ich ziehe Hemd und Hose wieder aus. Ich versuche es, aber es klappt nicht. Der Krankenwagen wartet und das Krankenhaus weiß Bescheid. Noch immer schiebt mein Körper. Immer wieder kontrollieren Antonia und Eline meine und die Vitalparameter des Kleinen. Dann heißt es, wir müssen jetzt wirklich los. Ich soll anders atmen, um die Wehen ein Stück weit zu beruhigen. Ich werde wieder angezogen. In meinem Kopf habe ich Unsicherheit: „Wie soll ich nur in diesen Krankenwagen?“ Gefühlt sitzt der Kleine schon so tief im Becken, dass ich seinen Kopf deutlich spüre. Wieder frage ich: „Was soll ich machen, wenn die nächste Wehe kommt?“ „Dann presst du. Versuche mit der nächsten Wehe den Kopf zu gebären!“. Ich steige wieder aus der Hose aus. Die Hebammen feuern mich an. Ich halte mich an Antonias Armen fest und gehe tief in die Hocke und presse so doll ich kann. Und dann wieder bei der nächsten Wehe, sogar noch, als die Wehe schon vorbei ist.

Endlich höre ich Eline mit „Ich kann den Kopf sehen!“ Ich motiviere mich nochmal selbst und gebe alles. Mit der nächsten Wehe kommt der Kopf samt Körper in einem heraus. In meinem Kopf hätte es dazu ein „Plopp“-Geräusch machen müssen. So fühlt es sich zumindest an. Schnell nimmt Eline den Kleinen in Empfang und entwickelt ihn von der Nabelschnur. Er hat sich mehrmals um Hals und Körper gewickelt. Kurz darauf der Geburtsschrei. Um 18:40 Uhr kommt unser kleiner Sohn auf die Welt. Ich bin erleichtert und glücklich, dass wir es im Geburtshaus geschafft haben.

Nachdem wir uns etwas ausgeruht haben, stille ich den Kleinen und werde auf Verletzungen

untersucht. Leider habe ich mir einiges an Verletzungen durch mein dolles und hektisches Pressen geholt. Nach meiner Zustimmung werde ich noch im Geburtshaus genäht. Um 0:29 Uhr sitzen wir im Taxi nach Hause – erschöpft aber happy. So schön, dass uns das Team die Möglichkeit gab, es vor Ort zum Abschluss zu bringen!