Kraftvoll geboren

Kraftvoll geboren

Wir waren bereits 9 Tage über unserem errechneten Termin und gefühlt hatte ich fast alle wehenfördernden, natürlich geburtseinleitenden Methoden für mich durchgespielt.

Geburtseinleitende Akupunktur, Datteln, zügiges Spazierengehen, asymmetrisch auf dem Bordstein laufen, Kolostrum streichen (hat mich persönlich süchtig gemacht und so gut für die spätere Milchbildung), Treppen steigen und exzessiv putzen.

Und trotzdem wollte unser kleiner Mann noch nicht zu uns stoßen. Scheinbar war mein Bauch einfach zu schön kuschelig und gemütlich für ihn.

Also hatten wir mit Eline die Möglichkeit einer Eipollösung im Geburtshaus besprochen, um die Wehen in Gang zu bringen und mein Mann und ich gingen am Nachmittag gemeinsam dorthin. Jeder Schritt während der Eipollösung wurde von Eline mit mir besprochen und vor jedem neuen Handling meine Zustimmung eingeholt. Ich konnte mich mit meinem Mann an meiner Seite total fallen lassen und trotz dessen sich auch die Eipollösung intensiv anfühlte, konnte ich es durch die vertrauensvolle Atmosphäre sehr gut veratmen. Im Anschluss gingen wir erwartungsvoll wieder nach Hause.


Am nächsten Morgen, Tag 10 nach errechnetem Termin, wachte ich um 06:50 Uhr durch eine Wehe auf. Grundsätzlich war das zu dem Zeitpunkt nichts Ungewöhnliches, schließlich bereitete mein Körper sich auf die Geburt vor. Als jedoch nach 10 Minuten die nächste Wehe kam, und nach weiteren 10 Minuten wieder eine Wehe, wurde ich aufmerksam. Das fühlte sich regelmäßiger an als sonst. Also begann ich zu tracken. Und tatsächlich kamen die Wehe gerade in regelmäßigen Abständen von 10 Minuten und dauert zwischen 30 und 60 Sekunden. Ich weckte meinen Mann sanft und sagte: „Ich habe Wehen. Ich tracke jetzt. Ich glaube, es geht los.“ Wenn ich da jetzt dran zurückdenke, bekomme ich noch immer Gänsehaut.

Nach ein paar weiteren Wehen war ich sicher und wir konnten endlich Eline anrufen, die für uns Rufbereitschaft hatte! Freudig erzählten wir von den Wehen und Eline fragte, wo ich sie fühlte, wie sie sich anfühlen, wie lange sie andauern würden und in welchen Abständen sie kämen.

Nach dem Telefonat aber erstmal zurück zu den wichtigen Dingen: Frühstücken. Ein ruhiger Morgen. Tee. Vermutlich nun endgültig das letzte Mal zu Zweit.

Gegen 11 Uhr hatten sich die Wehen in ihren Abständen schon rapide verkürzt und kamen im Abstand von 4 bis 5 Minuten. Ich war mir sicher, dass jetzt die Latenzphase beginnen würde und wollte in die warme Badewanne gehen. Die Badewanne war bereits schon die ganze Schwangerschaft über mein totaler Safe Space und ich konnte meinen Wehen dort sehr gut verarbeiten. Mein Mann saß mit unserer Katze währenddessen neben uns und trackte weiterhin. Ich stand später im Schlafzimmer gegen unsere Wand gelehnt und stütze meinen Körper ab. Mittlerweile veratmete ich nicht nur kommende Wehen, sondern tönte bereits mit. Ich bat ihn um ca. 13 Uhr, Eline erneut anzurufen und ihr zu sagen, dass sich die Intensität der Wehen nun verändert hat. Eline hörte mir am Telefon eine Weile zu, wie ich die Wehen veratme und besprach dann mit meinem Mann, dass sie um 16 Uhr zu uns nach Hause käme, um nach mir zu schauen. Aber bereits 1 Stunden später musste mein Mann Eline wieder anrufen. Diesmal um ihr zu sagen, dass ich es nicht bis 16 Uhr durchhalte und sie bitte direkt kommen möge. Um 14.30 Uhr war Eline dann bei uns und ich wieder in der Badewanne. Eline begleitete meine Atmung und Tönung liebevoll und erinnerte mich stetig an meine Ausatmungsphasen. Wenn ich zu diesem Zeitpunkt etwas konnte, dann war es ausatmen. Tief einatmen. Laaaaanges Ausatmen. Mein Mann erzählte mir nach der Geburt, dass Eline ihn einmal während meiner Ausatmung angeguckt hat und gesagt hätte, dass sie bei 25 aufgehört hat meine Ausatmung zu zählen und total beeindruckt davon war, wie lange ich ausatmen konnte. Ich schätze, dass ich bis zu mindestens 1 Minute lang ausgeatmet hatte.

Ich konzentrierte mich vollkommen auf’s Atmen und Tönen, denn meine Wehen wurde immer und immer intensiver und die Abstände zwischen ihnen immer und immer kürzer. Zwischendurch fühlte Eline meinen Puls und hörte die Herzschläge des Kindes. Ich übertreibe nicht zu sagen, dass der Einzige, der während der gesamten Geburtsdauer einen völlig entspannten Herzschlag von 140-150 Schlägen / Minute hatte, das Baby war. Wirklich, bis zum Schluss!

Gegen 16:30 Uhr hatte ich irgendwie das Gefühl, dass die Wehen nicht mehr doller werden konnten und hatte kurz die Befürchtung, dass ich unser Baby doch bei uns Zuhause bekommen würde. Eline versicherte mir, dass das nicht der Plan war und ich daraufhin, dass ich jetzt ins Geburtshaus fahren möchte. Eline besprach mit meinem Mann, dass sie vorfahren würde, um alles vorzubereiten und wir direkt hinterherkommen. Auf dem Weg zum Auto veratmete ich noch alle kommenden Wehen tönend. Auto zu fahren, während man in den Wehen liegt ist tatsächlich auch nochmal eine völlig andere Grenzerfahrung, auch wenn die Autofahrt nur 5 Minuten dauert. Die Krönung der Latenzphase war dann, als wir in die Einfahrt zum Geburtshaus fahren wollten und ein großer SUV die Einfahrt versperrte. Das aufgeregte Hupen meines Mannes beeindruckte den Beifahrer des SUV eher mäßig, denn er winkte uns nur genervt mit einer Hand ab a la „Jetzt stell dich mal nicht so an“. Woraufhin ich meine Beifahrertür aufriss und ihn mit „Ich bekomme hier mein Kind!!!“ anbrüllte. Auch, wenn ich vollkommen in den Wehen lag, werde ich das erschrockene Gesicht des Beifahrers nicht wieder so schnell vergessen und der SUV fuhr weg.

Um ca. 17:30 Uhr kamen wir endlich im Geburtshaus an und ich ließ mich sofort auf’s Bett sinken. Die Hand meines Mannes ließ mich nicht eine Sekunde lang los. Es war das 2. Mal seit Zuhause, dass ich vor Anstrengung und Intensität der Wehen weinen musste.

Ich wollte im Geburtshaus unbedingt in die Geburtswanne und Eline ließ mir wohltuendes, warmes Wasser ein. Im Wasser nahmen die Wehen nochmals an Intensität zu und mittlerweile wurde aus meinem Tönen längst kraftvolles Mitschreien. Niemals zuvor hatte ich mich so kraftvoll schreien hören, so urnatürlich, so animalisch. Jedes Mal, wenn ich dachte, dass ich einen neuen vokalen Höhepunkt erreicht hatte, legte ich nochmal 2 Schippen oben drauf. Wie gesagt, hatte auch ich mich selbst noch nie zuvor so gehört. Ich hatte im Geburtsvorbereitungskurs durch die durchführende Hebamme von dem sog. Breaking Point gehört, also der Moment kurz vor Übergang in die Austreibungsphase, in der Gebärende sagen, dass sie nicht mehr können oder wollen. Mein persönlicher Breaking Point war an dieser Stelle da und ich flehte meinen Mann um Hilfe an und das ich nicht mehr kann und will. Ich schrie auch nach Eline, die kurz nach draußen gehen musste, um an das Rufbereitschaftshandy zu gehen. Ich brauchte jetzt alle Begleitung, die ging.

Eline hatte auf meinen eigenen Wunsch hin den ganzen Geburtsprozess bisher nicht nach meinem Muttermund getastet. Da sich meine Wehen allerdings nun wieder zu verändern schienen, wollte sie jetzt einmal nach meinem Muttermund tasten. Dafür musste ich aus der Badewanne aussteigen und es fühlte sich nach dem Schwersten an, worum ich jemals gebeten wurde.

„Ja, da ist kein Muttermund mehr.“ sagte sie. „Ist das gut?“ fragte ich schwer atmend. „Das ist sehr gut, Catharina! Jetzt gehst du bitte zur Toilette und entleerst dich nochmal.“

Die Toilette, egal ob bei mir Zuhause oder jetzt im Geburtshaus, war eine Hassliebe unter der Geburt. Ich weiß bis heute nicht wieso, aber in den 2 oder 3 Malen, in denen ich auf der Toilette saß, waren die Wehen viel intensiver als stehend oder liegend. Mir fiel es auch schwer, mich zu entleeren. Es war, als würde etwas verhindern, dass ich Wasser lassen konnte.

Allerdings war dieses (letzte) Mal auf der Toilette irgendwie auch angenehm, was wahrscheinlich daran lag, dass mein Mann jedes Mal einen Gegendruck ohne Ende hielt, wenn ich unter der Wehe alles zusammenzog. Wasser lassen konnte ich übrigens trotzdem nicht.

Eline hatte mich unter der ganzen Geburt immer wieder gefragt, ob ich meinen Muttermund einmal ertasten möchte, was ich die ganze Zeit über verneint hatte. Nun bat sie mich liebevoll doch einmal nach dem Kopf meines Babys im Geburtskanal zu tasten, um zu spüren wie weit ich bereits war. Und tatsächlich brauchte es vielleicht maximal einen halben Finger breit, bis ich zitternd den Kopf meines Babys spüren konnte. Jetzt wurde es ernst. Ich war fast auf der Zielgeraden.

„Catharina, ich möchte, dass du jetzt aufstehst und dich am Waschbecken festhältst. Ganz langsam mit beiden Füßen. Schau mich einmal an…vielleicht noch 4x atmen und du hältst dein Baby im Arm. Und beim Ausatmen hältst du jetzt die Luft an und schiebst ihn nach unten.“ Und das tat ich. Kinn an die Brust. Alle Kraft, die ich hatte. Einatmen. Luft anhalten. Pressen. Mein Vaginalbereich brannte. Und nochmal. Pressen. Hatte ich erwähnt, dass meine Fruchtblase die ganze Zeit über noch nicht geplatzt war? Jetzt platzte sie in einem Schwall auf den Badezimmerboden.

„Da ist der Kopf! Kannst du ihn sehen? Gleich ist er da“ fragte Eline meinen Mann. „Fängt ihn jemand auf?!?!“ rief ich am Ende meiner Kraft. „Natürlich!“ sagte Eline ruhig. Und so presste ich ein allerletztes Mal und gebar meinen Sohn, den Eline sofort fing. Er hatte seine Nabelschnur 1x um seinen Hals gewickelt. Eline entdrehte ihn und gab ihn mir nach oben in den Arm.
Ich hatte immer geglaubt, dass ich bei der Ankunft meines Babys Rotz und Wasser heulen würde, aber hier jetzt in diesem Moment, war nichts als Überwältigung und Funktionieren. Ich hatte soeben einen Menschen geboren, den ich 10 Monate lang im Bauch getragen hatte. Mir den Moment seiner Geburt immer und immer wieder ausgemalt hatte und nun war er da. Ich hatte unser Baby im Arm.

Zitternd ging ich mit meinem Mann und unserem Baby auf das Bett und wir wurden in ganz vielen Handtüchern und Decken eingepackt und konnten bonden.

Ca. 10 Minuten später gebar ich die Nachgeburt und wurde auf Geburtsverletzungen untersucht und behandelt.


Eline, ich kann dir für diese Traumgeburt nicht genug danken. Danke für dein ruhiges Sein, dein Dasein, dein Begleiten, deine Worte und Taten und dass du für mich die ganze Zeit den Raum gehalten hast, bis du uns schlussendlich in der Nacht um 00:30 Uhr nach Hause entlassen hast.

Mein Schatz, mein Mann, mein bester Freund. Du hast mich nicht eine Sekunde lang losgelassen auf dieser Reise und buchstäblich jeden Moment meine Hand gehalten. Ich habe dir ins Gesicht geschrien vor Intensität und deine Hände so gequetscht. Danke, dass du bei mir warst. Danke für dein Halten. Danke für deine Mutmachungen und deine Nähe. Körperlich und Geistig. Ich liebe dich unendlich.

Wir würden uns jederzeit wieder für eine außerklinische Geburt entscheiden und, sofern wir dann noch in HH wohnen, jederzeit wieder für das Haus für Geburt und Gesundheit und für Eline, Nora, Irma und Lena. Danke für alles!

 Danke für die wunderbare Betreuung und diese wunderschöne Reise.