Januarbaby: Wassergeburt nach langer, intensiver Latenzphase

Januarbaby: Wassergeburt nach langer, intensiver Latenzphase

Das Januarbaby ist unser zweites Kind. Schon ein paar Wochen vor der Geburt warte ich ungeduldig darauf, dass es endlich losgeht. Wie bei meinem ersten Kind habe ich das Gefühl, dass es vor dem errechneten Termin zur Welt kommen möchte – außerdem habe ich einfach keine Lust mehr, schwanger zu sein. Seit der siebten Woche muss ich mich ständig übergeben, häufig mehrmals am Tag, und nun wünsche ich mir, dass das bald ein Ende hat. Zehn Tage vor ET reisen meine Schwiegereltern an, um beim großen Kind zu bleiben, wenn die Geburt beginnt.

Am Sonntag machen wir bei schönstem Wintersonnenwetter eine kleine Wanderung durch die Fischbeker Heide: Hügel rauf, Hügel runter – wenn das keine Wehen auslöst! Und tatsächlich: in der nächsten Nacht bemerke ich, dass mein Bauch immer wieder bretthart wird. In letzter Zeit hatte ich häufiger mal Senkwehen, aber jetzt begleiten sie mich durch die ganze Nacht und auch nach dem Aufstehen am nächsten Morgen sind die Kontraktionen nicht verschwunden. Langsam glaube ich daran, dass die Geburt tatsächlich beginnt.

Leider gesellt sich zu den Wehen jetzt wieder das Erbrechen. Den ganzen Tag über muss ich mich immer wieder übergeben. Ich versuche, gegen den Flüssigkeitsverlust anzutrinken, ruhe mich so weit es geht aus, schlürfe eine Suppe, die mir meine Schwiegermutter kocht, aber viel bleibt nicht drin. Immerhin weiß ich, dass Erbrechen Teil einer physiologischen Latenzphase sein kann. Inzwischen bin ich sicher: bald wird mein Baby zur Welt kommen!

Den ganzen Tag über telefoniere ich alle paar Stunden mit Matilde, die seit zehn Uhr vormittags Rufbereitschaft hat. Da die Wehen zum Nachmittag hin stärker und regelmäßiger werden und ich sie bald deutlich hörbar veratmen muss, verabreden wir uns zu halb neun Uhr abends im Geburtshaus. Mein Schwiegervater fährt meinen Mann und mich hin, auf dem Weg sind mir schon die Straßenlaternen und die Lichter der anderen Fahrzeuge zu hell und ich ziehe mir meine Mütze tief über die Augen.

Im Geburtshaus öffnen uns Matilde und Greta, eine Hebammenstudentin, die ich bereits von der Vorsorge kenne, die Tür. Es ist warm und gemütlich, die Vorhänge sind zugezogen und zwei Salzkristall Lampen spenden etwas Licht. So hatte ich mir das vorgestellt. Die Wehen sind kräftig und kommen regelmäßig, alle drei Minuten. Hochmotiviert vertöne ich den Schmerz und als Zweitgebärende habe ich jetzt sicher eine schnelle Geburt.

Zwei Stunden später fragt mich Matilde, ob sie einmal untersuchen darf, wie weit der Muttermund schon geöffnet ist. Das Ergebnis ist ernüchternd, denn trotz intensiver Wehen ist am Muttermund noch nicht viel passiert. Matilde bleibt optimistisch, meint aber, dass noch ein längerer Weg vor uns liegt und schlägt mir vor, die Strategie zu wechseln: Kräfte sparen, in den Wehenpausen die Augen schließen. Das gelingt sogar und ich dämmere immer wieder für ein, zwei Minuten weg, bis die nächste Wehe anrollt. Die sind leider ganz schön schmerzhaft und das Tensgerät hilft auch nur so lange, bis ich von der Arbeit so verschwitzt bin, dass die Elektrodenpflaster am Rücken sich immer wieder lösen. Danach muss mein Mann übernehmen und mir in jeder Wehe das Kreuzbein durchrütteln. So verbringen wir die Nacht. Die Wehenabstände werden zwischendurch wieder etwas größer und Matilde lässt uns eine Weile allein, kommt nur ab und an in den Raum, um die Herztöne des Babys und meinen Puls zu überprüfen. Medizinisch ist alles in Ordnung. Matilde gibt mir Sicherheit, fragt aber auch, ob ich noch die Kraft habe, weiterzumachen. Innerlich wäge ich ab, ob ich die Fahrt in die Klinik auf mich nehmen soll, um eine PDA zu bekommen und endlich diese Schmerzen loszuwerden. Aber ich kann mir einfach nicht vorstellen, diesen Raum zu verlassen, geschweige denn, mich mit diesen Wehen auch nur für fünf Minuten in ein Fahrzeug zu setzen, also verwerfe ich den Gedanken recht schnell. Und Kraft habe ich noch, das spüre ich. „Ich schaffe das!“ rufe ich mir selbst und den anderen immer wieder zu und wir haben die Hoffnung, das Baby durch verschiedene Positionsänderungen dazu bringen zu können, sich besser ins Becken einzustellen. Also turne ich, von Matilde angeleitet, mitten in den Wehen den „halben Handstand“. Das fühlt sich verrückt an und fordert ziemlich viel Kraft, gibt mir aber auch das Gefühl, den Verlauf beeinflussen zu können.


Um fünf Uhr morgens hat sich der Muttermund dann endlich auf 5-6 cm geöffnet. Wir feiern diesen Befund, endlich ist die Latenzphase geschafft. Ab jetzt geht es schnell. Nach einer Weile auf dem Geburtshocker und am Tuch bin ich wieder komplett durchgeschwitzt, müde und friere. Zum Glück habe ich mehrere Garnituren Ersatzkleidung mitgebracht, aber jetzt will ich wieder in den Pool. Das warme Wasser hilft, sofort entspanne ich mich. Und kaum gehe ich hier in die Hocke, platzt mit leisem Plopp deutlich spürbar die Fruchtblase. Die Wehen kommen jetzt immer schneller hintereinander, der Muttermund ist vollständig geöffnet und ich werde immer lauter. Ich schiebe und schiebe, halte mich am Tuch fest und schließlich kann ich mit der Hand das Köpfchen tasten. Nur noch ein paar Wehen! Den Moment, in dem der Kopf die Vagina maximal aufdehnt, spüre ich deutlich, ein starkes Brennen. Die zweite Hebamme, Eline, die inzwischen mit im Raum ist, interpretiert mein in diesem Moment schrill werdendes Schreien richtig: „Du kennst diesen Schmerz. Gleich ist es geschafft!“ Erst rutscht der Kopf nochmal zurück, dann nehme ich alle Kraft und allen Mut zusammen und gehe über den Schmerzpunkt hinweg, bis ich spüre, dass der Kopf aus mir hinausgleitet. Mit der nächsten Wehe folgt der Körper und schon treibt das Baby im nun ziemlich trüben Wasser, Glückshormone fluten in diesem Augenblick jeden Winkel meines Körpers. Ich nehme es hoch, die Nabelschnur liegt um den Hals des Kindes. Matilde entwickelt sie, ich halte das Baby im Arm und puste ihm sanft ins Gesicht – da beginnt es zu atmen und benutzt zum ersten Mal in seinem Leben seine Stimme. Beim Aufstehen aus dem Pool halte ich das Kleine mit beiden Händen fest an meine Brust gedrückt, über die Nabelschnur sind wir noch immer miteinander verbunden. Die Hebammen und mein Mann stützen mich und bringen uns zum Bett. Wenige Minuten später wird die Plazenta geboren und die Blutung stoppt, eine Oxytocingabe, die für einen Moment im Raum stand, ist nun doch nicht mehr nötig. Ich bin erschöpft aber stolz und glücklich, dass wir diesen Marathon geschafft haben. Mein Baby ist hungrig und saugt, nachdem mein Mann die Nabelschnur durchtrennt hat, kräftig an meiner Brust – ganz als ob es das schon immer machen würde. Wir kuscheln, essen zum Frühstück Lasagne und rufen die Familie an. Bis auf eine kleine Schürfwunde habe ich keine Geburtsverletzungen und muss nicht genäht werden. Die U1 führen die Hebammen einfach im Bett durch. Nasse Waschlappen kühlen meine Vulva. Mein Kreislauf ist stabil, ich kann aufstehen und zur Toilette gehen und nach ein paar Stunden machen wir uns auf den Weg nach Hause und starten ins Wochenbett, wo uns Irma als Nachsorgehebamme in den nächsten Wochen regelmäßig besucht.


Das war heftig. Ich bin sehr glücklich, dass sich mein Wunsch, dieses zweite Kind gesund und ohne Komplikationen im Geburtshaus zur Welt zu bringen, tatsächlich erfüllt hat – auch wenn die Geburt lange nicht so einfach und schnell war, wie ich mir das als Zweitgebärende erhofft hatte. Hätte ich in dieser Nacht einen einfachen Zugang zu starken Schmerzmitteln gehabt, ich hätte wahrscheinlich so ziemlich alles mit offenen Armen angenommen. Trotzdem habe ich die Geburt, aber auch die Schwangerschaftsvorsorge und die Zeit im Wochenbett in guter Erinnerung und würde mich rückblickend wieder für diesen Weg entscheiden, denn trotz Anstrengung und Schmerzen hat sich die Situation nie bedrohlich angefühlt. Wichtiger als eine schmerzarme Geburt waren mir von Anfang an die persönliche Atmosphäre und Vertrautheit und die intensive, respektvolle und einfühlsame Begleitung, die ich im Geburtshaus erlebt habe.

Vielen Dank dafür!