01 Okt. Hausgeburt
Geburtsbericht Hausgeburt
„Ach, die lässt sich sicherlich noch Zeit“, sage ich an einem Donnerstag im Januar zu einer Freundin beim Kaffeetrinken und gehe nach Hause. Abends scherzen mein Mann und ich im Bett noch, dass sich unser Dino-Mädchen (Dino ist der Spitzname fürs Baby während der Schwangerschaft) gerne noch eine gute Woche Zeit lassen kann, bis sie sich auf den Weg macht. Schließlich sind es noch elf Tage bis ET und ich habe bisher keinerlei Anzeichen, dass es anders kommen könnte. Eine unkomplizierte Schwangerschaft, keine Übungs- oder Senkwehen, nichts.
Nachts gegen 1 Uhr wache ich kurz auf und denke mir: Da zieht irgendwas. Ich döse aber direkt wieder weg. Um 3 Uhr werde ich erneut wach. Da ist definitiv ein Ziehen und es kommt immer wieder. Ich beobachte das Ganze noch eine Stunde, bis ich gegen 4 Uhr meinen Mann wecke und ihn frage, ob er bereit ist, heute Papa zu werden. Danach gehe ich erst einmal warm duschen. Wie ich es im Gefühl habe, bleiben die Wehen und so beginnen wir eine Stunde später, sie zu tracken. Von Anfang an kommen sie in sehr kurzen Abständen von etwa drei Minuten, sind aber noch sehr kurz und nicht schmerzhaft. Mit der Zeit werden die Wehen langsam länger, lassen sich aber noch gut veratmen und um 8 Uhr melden wir uns im Geburtshaus, um Bescheid zu geben, dass es losgegangen ist.
Wir machen es uns auf der Couch gemütlich. Ich sitze mit gespreizten, angewinkelten Beinen in der Ecke. Ein Bedürfnis, mich zu bewegen oder Ähnliches, habe ich gar nicht. So ist es für mich am bequemsten. Da um 10 Uhr Schichtwechsel zwischen Matilde und Irma ist, rufen wir gegen 10:30 Uhr bei Irma an. Gegen 11:40 Uhr kommt Irma für den Hausbesuch zu uns nach Hause. Die Wehen sind inzwischen deutlich intensiver geworden und ich muss sie vertonen.
Nachdem wir erzählt haben, wie es uns bisher ergangen ist, sie bei mir den Puls gemessen und die Herztöne unseres Babys gehört hat, steht eigentlich fest, dass wir nun auch ins Geburtshaus wechseln können. Bevor wir uns auf den Weg machen, will ich noch einmal schnell auf die Toilette und bitte Irma, meinen Muttermund zu untersuchen, um eine Einschätzung zu bekommen, wie weit wir schon sind. Denn inzwischen spüre ich auch einen recht starken Druck nach unten.
Mit einem lauten Platsch platzt dann direkt vor der Toilette meine Fruchtblase. „Ich glaube, meine Fruchtblase ist geplatzt“, sage ich noch überflüssigerweise, da man das Platsch wirklich bis ins Wohnzimmer hört. Ein bisschen wie im Film. Die anschließende Untersuchung des Muttermundes zeigt, dass dieser bereits vollständig geöffnet ist und das Köpfchen unseres Babys schon zu fühlen ist.
Aufgrund dessen und auch weil die Wehen nach dem Blasensprung auf einmal so intensiv werden, dass ich mich nicht mehr in der Lage sehe, aus dem dritten Stock die Treppen hinunterzugehen, entscheiden wir gemeinsam mit Irma kurzerhand, für die Geburt zu Hause zu bleiben.
Lena, die als zweite Hebamme aus dem Geburtshaus unterstützen soll und nach einem vorherigen Telefonat mit Irma auch schon das Wasser in der Badewanne im Geburtshaus eingelassen hat, kommt als zusätzlicher Support gegen 12:30 Uhr zu uns nach Hause. Zum Glück wohnen wir nur ein paar Minuten vom Geburtshaus entfernt. Im Wohnzimmer wird schnell umgeräumt, um Platz zu schaffen, und der Boden wird mit Sportmatten und Handtüchern ausgelegt. Davon bekomme ich ehrlicherweise gar nicht viel mit. Ich konzentriere mich vollkommen auf die Wehen. Und irgendwie geht dann auch alles sehr schnell.
Die Wehen sind nun super intensiv. Im Vierfüßlerstand, auf der Couch abgestützt, gebäre ich kurz nach 13 Uhr zuerst das Köpfchen und eine Wehe später unsere Tochter. Wir legen uns mit ihr im Arm direkt auf die Couch. Aufgrund niedriger Eisenwerte haben wir beim Geburtsvorbereitungsgespräch bereits entschieden, dass ich unterstützend eine Oxytocin-Spritze bekommen soll. Außerdem verliere ich bei der Geburt etwas mehr Blut als normal. Kurze Zeit später wird dann die Plazenta geboren. Da ich ganz leichte Geburtsverletzungen habe, werde ich noch genäht. In dieser ganzen Zeit bondet mein Mann mit unserer Tochter. Nach erfolgreicher U1 machen wir direkt die ersten zaghaften Stillversuche. Was anfangs noch nicht ganz reibungslos klappt, spielt sich in den kommenden Tagen und Wochen zum Glück super gut ein.
Während wir fleißig kuscheln und unser Glück kaum fassen können, räumen Irma und Lena zusammen, erledigen ihre Dokumentation und fahren gegen 16 Uhr nach Hause. Wir haben uns im Vorfeld viele Gedanken darüber gemacht, wie wir nach der Geburt wieder nach Hause kommen, da wir kein eigenes Auto besitzen. Wie verrückt, dass wir schlussendlich einfach von der Couch ins Schlafzimmer umziehen können. Unsere Wochenbetthebamme kommt noch am selben Tag vorbei und wir haben eine wunderbare Wochenbettzeit.
Das Szenario einer Hausgeburt kam mir im Vorfeld überhaupt nicht in den Sinn. Für mich gab es immer nur zwei Optionen: eine Geburt im Geburtshaus, wenn alles glatt läuft, oder eben die Verlegung ins Krankenhaus, sollte es erforderlich sein oder ich es mir wünschen. Ich habe mir immer gesagt, dass ich die Geburt so nehme, wie sie kommt, ohne mir einen großen Plan zu machen, weil letztendlich ja doch immer alles anders kommt, als man denkt.
Dass ich unsere Tochter dann mitten in unserem Wohnzimmer zur Welt bringe, davon wäre ich niemals ausgegangen. Umso dankbarer bin ich Irma und Lena, dass sie in dieser Situation so schnell und professionell gehandelt haben. Wir fühlten uns zu jedem Zeitpunkt wohl und super aufgehoben und ich bin sehr froh, dass ich die Geburt so intensiv erleben durfte und dabei so toll begleitet wurde.