20 Juni Endlich eine Geburt im Geburtshaus
Endlich eine Geburt im Geburtshaus
Es ist 16 Uhr. Ich bin mit meinen beiden Jungs auf dem Spielplatz, genauer gesagt auf dem Fußballfeld, und stehe im Tor, während die beiden versuchen, ein Tor nach dem anderen zu schießen. Ich bin eine Woche über meinem errechneten Geburtstermin und werde langsam unruhig, dass die Geburt noch nicht losgeht. Vormittags war ich zur Vorsorge im Geburtshaus und wir haben über wehenfördernde Maßnahmen gesprochen, die ich in den nächsten Tagen nun umsetzen möchte. Es ist zwar meine dritte Geburt und eigentlich bin ich ganz entspannt, doch mein erster Sohn kam 10 Tage vor und mein zweiter Sohn zwei Tage nach dem errechneten Termin zur Welt. So lange zu übertragen kenne ich nicht und habe ich auch bei dieser Schwangerschaft nicht erwartet. Ich habe schon seit ein paar Wochen ab und zu Übungswehen, etwas was ich von meinen ersten zwei Schwangerschaften auch nicht kenne. Auch jetzt beim Fußballspielen habe ich leichte Wehen, so dass ich die Bitte meines Sohnes, dass ich nun Tore schießen soll, verneine, im Tor muss ich mich nicht so viel bewegen und kann besser mit den Wehen umgehen.
Nachdem die Wehen auch nach einer Stunde nicht weggehen und etwas regelmäßiger werden – circa alle fünf Minuten, allerdings noch unter einer Minute lang; entscheide ich, dass es besser ist, den Spielplatz frühzeitig zu verlassen und den Heimweg anzutreten. Ich rufe auch meinen Mann auf der Arbeit an und bitte ihn pünktlich nach Hause zu kommen, für den Fall, dass es sich um den Geburtsbeginn handelt.
Zu Hause angekommen essen wir zusammen als Familie zu Abend (wobei ich nun anfange meine Wehen dezent zu veratmen) und machen die Jungs bettfertig. Mein Mann bringt den großen ins Bett, der jüngere fordert es allerdings ein von mir ins Bett gebracht zu werden. Als mein Sohn endlich tief und fest neben mir schläft werden nun auch meine Wehen stärker, als ob mein Körper auf diesen Moment gewartet hätte. Ich entscheide mich meine Geburtsmeditation über meine Kopfhörer anzumachen und fange an meine Wehen mit der Buchstabenatmung (A, B, C, D, E) zu veratmen. So liege ich einige Zeit im Bett und veratme eine Welle nach der anderen. Diese werden nach und nach deutlich intensiver, sind trotzdem aber noch gut zu managen. Irgendwann kommt mein Mann ins Schlafzimmer und sagt, wir sollten jetzt ins Geburtshaus fahren. Er hat bereits mit Irma gesprochen und meine Mutter ist da, um auf die Jungs aufzupassen. Ich habe eigentlich noch das Gefühl, dass ich die Wehen zu Hause gut veratmen kann und noch nicht das Bedürfnis ins Geburtshaus zu gehen – an sich möchte ich auch lieber noch im Bett meine Wehen weiter veratmen. Doch es ist halb zehn und wir können die Uhr danach stellen: um zehn wacht mindestens einer der beiden Jungs auf. Um dann nicht mit einem eventuellen Trennungsschmerz der Jungs und einem schlechten Gewissen ins Geburtshaus zu fahren, stimme ich zu, es macht Sinn, sich nun auf den Weg zu begeben.
Sobald ich aufstehe und meine Geburtsmeditation pausiere, fühlen sich meine Wehen deutlich intensiver an, auch die Fahrt ins Geburtshaus nehme ich als sehr unangenehm wahr und ich bin froh, als wir gegen 22:00 Uhr endlich auf dem Parkplatz halten und ich aussteigen kann.
Nachdem ich noch eine Wehe veratme, gehen wir ins Geburtshaus und werden im Sonnenzimmer von Irma erwartet, die auch schon die Wanne für mich einlässt. Wir haben ganz in Ruhe Zeit anzukommen. Irma fragt lediglich wie es mir geht, es stehen aber keine Untersuchungen an, wie bei einer Geburt im Krankenhaus. Ich fühle mich direkt wohl und gut aufgehoben. Die ruhige Atmosphäre, das gedämmte Licht und auch dass wir nicht erst zu einem Anmeldetresen müssen, beruhigen mich und machen mich sehr dankbar, dass wir nun für meine dritte Geburt im Geburtshaus sind. Als die Wanne voll ist, freue ich mich über das wohltuende warme Wasser was meine Wehen etwas leichter zu bewältigen macht. Nun möchte ich wieder meine Geburtsmeditation über meine Kopfhörer hören und die Wehen in Ruhe ganz für mich veratmen. So liege ich mit geschlossenen Augen ganz bei mir für circa 2 Stunden in der Wanne und veratme jede Welle, wobei ich versuche auch in den Wehen meinen Körper zu entspannen. Ich komme mit der Atmung gut zurecht und kann meinen Körper und Geist in den Wehenpausen immer wieder entspannen und Kraft für die nächste Wehe schöpfen, so wie ich es geburtsvorbereitend geübt habe. Doch irgendwann kommen Zweifel in mir hoch. Wird diese Geburt wieder so lange dauern wie die erste? Werde ich das schaffen? Was ist, wenn ich keine Kraft mehr habe? Ich habe zwei Spontangeburten hinter mir, doch meine erste Geburt hat sehr lange gedauert und war sehr intensiv – keine positive Geburtserfahrung. Am Ende wurde mir die Wahl zwischen einem Kaiserschnitt, oder ohne Presswehen mein Baby aus mir raus zu pressen gegeben. Meine zweite Geburt war sehr positiv. Ich hatte bereits hier gehofft, ins Geburtshaus gehen zu können. Doch aufgrund eines sehr hohen Blutverlustes nach meiner ersten Geburt, die in zwei Bluttransfusionen resultierte, wurde ich aus Sicherheitsgründen vom Geburtshaus abgelehnt. Als Kompromiss hatte ich eine Beleggeburt im Amalie Sieveking Krankenhaus, wo ich eine sehr schöne, ruhige und selbstbestimmte Wassergeburt erleben durfte – allerdings mit Krankhaus-Feeling und nicht in so einem geborgenen Raum und einer ruhigen Atmosphäre wie im Geburtshaus. Trotzdem kamen nun unterschwellig die Zweifel und Ängste von der ersten Geburt zurück. Als ob Irma das spürte, fragt sie mich, ob ich nicht einmal aus der Wanne rauskommen möchte, auf die Toilette gehen und eine andere Position ausprobieren möchte. Ich stimme zu und merke sofort, als ich aufstehe, dass die Schwerkraft meine Wehen deutlich verstärkt. Ich schaffe es nun nicht mehr in den Wellen meinen Körper zu entspannen und die Buchstabenatmung zu atmen. Vielmehr ist es jetzt ein langes A oder vielleicht komme ich noch mal bis B – die Wehen fühlen sich viel intensiver als in der Wanne an. Es hilft mir, mich in das von der Decke hängende Tuch zu stützen. So veratme ich die Wehen einige Zeit, doch ich merke wie kräftezehrend diese nun sind, und habe das Bedürfnis zu wissen, dass die Geburt vorangeht. Also bitte ich Irma, meinen Muttermund zu tasten. Ein „das sieht schon richtig gut aus“ reicht mir nicht. Ich möchte wissen, wie viel Zentimeter mein Muttermund geöffnet ist. Die Antwort dieser sei bei 7cm beruhigt mich einerseits gleichzeitig frage ich mich, wie lange es noch bis 10cm dauert, denn die Wehen werden immer kräftiger und fühlen sich deutlich intensiver als bei meiner zweiten Geburt an. Einige Minuten später verspüre ich den Drang zu pressen und bin irritiert. Ich kann mich noch gut an den Pressdrang von meiner vorherigen Geburt erinnern. Gleichzeitig ist mein Muttermund doch erst bei 7cm und noch nicht ganz offen, das können doch noch keine Pressewesen sein? Also frage Irma, ob ich mit dem Drang pressen soll was sie bejaht. Irma holt Eline, die andere Hebamme in den Raum und ich begebe mich in den Vierfüßler Stand mit dem Oberkörper übers Bett gelehnt. Mit jedem Drang zu pressen, presse ich mit voller Kraft mit und schon kurze Zeit später ist das Köpfchen unserer Tochter geboren. Eine Presswehe danach, um 1:22 Uhr dann auch der Körper und ich nehme unsere Tochter in den Arm. Ich bin überglücklich, unsere Tochter nun kennenzulernen und auch erleichtert, dass die Geburt und die sehr intensiven Wehen nun geschafft sind. Mein Mann und ich legen uns aufs Bett und begrüßen und kuscheln unsere Tochter, die rosig und gesund ist. Irma, Eline und die Hebammenstudentin begeben sich in ein Nebenzimmer für die Dokumentation und wir haben ausgiebig Zeit für ein Kennenlernen und das erste Stillen. Wir haben uns sehr geborgen und gut aufgehoben gefühlt. Nach einiger Zeit wurde ich ganz entspannt nach Geburtsverletzungen untersucht und die U1 wurde mit unserer Tochter bei uns direkt im Bett durchgeführt. Nachdem meine kleine Geburtsverletzung genäht wurde und ich auf Toilette war, hat Irma mir geholfen, mich zu duschen und dann ging es schon nach Hause. Um 5:00 Uhr, pünktlich zum Aufwachen der Jungs, waren wir dann wieder zu Hause mit ihrer kleinen Schwester nicht mehr in meinem Bauch, sondern nun auf meinem Bauch liegend.
Mein Mann und ich sind extrem dankbar, nach zwei Krankenhausgeburten unser drittes und letztes Kind im Geburtshaus entbunden haben zu können und so ein tolles Hebammen-Team gehabt zu haben. Wir haben uns zu jedem Zeitpunkt gut aufgehoben gefühlt und haben vor allem die Ruhe und Besinnlichkeit im Geburtshaus sehr geschätzt. Vielen Dank, dass ihr uns so ein positives Geburtserlebnis ermöglicht habt!