Eine traumhafte, selbstbestimmte Erstgeburt

Eine traumhafte, selbstbestimmte Erstgeburt

Viele Mütter in meinem Freundeskreis haben ihre erste Geburt während der Corona-Pandemie erlebt und leider oft unschöne bis hin zu traumatische Geburten gehabt. Ich war so dankbar für ihren Mut zur Ehrlichkeit. Somit konnte ich schon lange vor meiner ersten Schwangerschaft eine klare Vorstellung davon entwickeln, was mir für meine eigene Geburt wichtig ist.

Einer der wenigen positiven Geburtsberichte in meinem Umkreis stammte von einer Freundin, die ihr Kind in einem Geburtshaus entbunden hat. Somit stand mein Wunsch schnell fest und ich konnte mein Glück kaum fassen, als ich nach meinem positiven Schwangerschaftstest auf meine Anfrage ein „klar, wir haben noch freie Plätze“ vom Haus für Geburt und Gesundheit bekam.
Schon das Kennenlerngespräch mit Antonia hat uns in der Entscheidung bestärkt, die mein Mann zu 100% mitgetragen hat, was mir sehr viel bedeutet hat. Somit bin ich auch für die Vorsorge bereits während der Schwangerschaft beim Centering im Geburtshaus gewesen.

 

Die Geburt

Meine Geburt kündigte sich 2 Tage vor ET abends durch erste Wehen an.
Mit „der Baby“ (Kosenamen, wir haben uns überraschen lassen, ob Mädchen oder Junge) war aber abgemacht, dass der ET eingehalten wird und die Geburt somit exakt 5 Jahre nachdem mein Mann, Seb, und ich uns kennengelernt haben sein wird. Zu Seb sagte ich deshalb nur: „Das sind höchstens Senkwehen, die Eine auf Instagram hatte das eine ganze Woche…ich hab doch auch morgen noch so viel vor…nein, nein, der Baby kommt erst Freitag (10.10).“

Während ich auf dem Gymnastikball sitzend immer wieder tief atmete, sah mein Mann mich immer wieder zweifelnd an. Irgendwann haben wir uns geeinigt, dass er doch mal eine App lädt und trackt. Tatsächlich waren die Kontraktionen aber nie länger als 1 Minute und mindestens 15 Minuten auseinander – also alles entspannt. Ich wollte dann irgendwann mal das TENS-Gerät ausprobieren, was ich besorgt hatte, also befestigte Seb die Elektroden an meinem unteren Rücken. Ich habe dann verschiedene Frequenzen probiert, bis ich eine für mich passende gefunden habe. Immer wenn eine Wehe kam, habe ich hochgedreht. Das funktionierte so gut, dass ich Sorge hatte, dass ich gar nicht merken würde, wenn sie mehr oder stärker werden. Also habe ich es vorerst wieder ausgemacht und irgendwann sind wir ins Bett.

 

Mein Mann konnte auch ein paar Stunden schlafen, mich hielt aber jedes Mal, wenn ich kurz davor war einzuschlafen, die nächste Wehe wieder im Hier und Jetzt. Ich musste sie immer konzentrierter und tiefer veratmen. Dabei habe ich meine Geburtsmeditations-Tracks1 gehört.

Irgendwann zwischen halb 1 und 1 lud ich mir auch eine Tracking App aufs Handy und um 2 sagte diese „mach dich bereit fürs Krankenhaus“. Daraufhin ging ich erstmal auf die Toilette, da dieses stille Örtchen unter Fachpersonal wohl auch als „dilation-station“ (zu gut Deutsch „Eröffnungsstadion“) bekannt ist, weil man dort intuitiv den Beckenboden entspannt. Einen Versuch ist es sicher wert. Als ich zurück ins Schlafzimmer kam, war Seb auch gerade wach geworden. Somit musste ich ihn nicht wecken und erzählte gleich, dass wir wohl mal Antonia (die zu dem Zeitpunkt Rufbereitschaft hatte) anrufen sollten. Während ich mich weiterhin auf die Wehen konzentrierte, bzw. auf das Veratmen dieser, rief Seb also Antonia an und wir einigten uns darauf, dass sie erst einmal vorbeikommt.
Für meinen Geburtsplan hatte ich festgehalten, dass ich auf keinen Fall eine vaginale Untersuchung möchte, sofern dies nicht medizinisch notwendig ist, aber als Antonia es anbot, nahm ich ohne zu zögern an, da ich gerne wissen wollte, ob sich schon etwas tut. Ergebnis: 3 cm – also nicht nur Senkwehen. Da der Baby ein wenig zur rechten Seite gekippt lag, schlug Antonia die Spinning-Baby Übung Forward-Leaning Inversion vor. Somit habe ich mich zwei Mal vornüber vom Sofa gebeugt, aber immer, wenn ich wieder hoch kam, rollte der Baby sich wieder zur Seite. Da soweit aber alles gut aussah, riet Antonia uns ruhig noch ein bisschen Zuhause zu bleiben. Um 7 Uhr sollten wir uns nochmal melden (es war inzwischen ca. 4 Uhr früh). Mein erster Gedanke war „uff, ich soll das hier noch drei Stunden alleine weiter machen?!“. Dank Meditationstrack und kleinem Frühstückssnack von Seb ging das aber tatsächlich gut und die Zeit schnell vorbei. Als Seb um 7 Uhr wieder mit Antonia telefonierte, hatte ich das erste Mal eine Wehe die ich nicht nur veratmen konnte, sondern auch vertönen musste. Und so entschieden wir, an den Ort zu wechseln, an dem ich auch entbinden möchte. So kamen wir um 8 Uhr im Geburtshaus an, wo Antonia uns bereits erwartete.

Da wir die Einzigen waren und blieben, durften wir uns ein Geburtszimmer aussuchen und uns die ganze Zeit frei in dem Bereich des Geburtshauses bewegen. Ich wollte gerne in die Wanne und Antonia ließ mir direkt Wasser ein. Als die Wanne gefüllt war, stellte ich recht schnell fest, dass die gewünschten 40°C zwar super entspannend, aber auf Dauer viel zu warm waren. Mit einem kühlen Handtuch auf der Stirn, welches Seb regelmäßig auffrischte und dem Meditationstrack auf den Ohren, habe ich es aber doch für eine Weile genossen. Das Wannenkissen ist übrigens der Kracher! Danach bin ich erst einmal auf das Bett, wo das TENS-Gerät wieder zum Einsatz kam, da nach Entspannung und leichten Wehen-Pausen, dann wieder Schwung rein kam. Aber nicht genug, denn nach einer weiteren Untersuchung stellte sich gegen 11 Uhr raus, dass in den 7 Stunden nur 2 cm dazu gekommen sind (5 cm). Da ich, wie ich fand, recht regelmäßige und für meinen Geschmack auch recht kräftige Wehen hatte, war das ein wenig ernüchternd. Antonia bot mir einen Wehen fördernden Tee aus Eisenkraut, Zimt, Nelke, Ingwer an und als ich den getrunken hatte, sind Seb und ich eine Runde um den Block gegangen – das Wetter war zum Glück schön und die frische Luft tat gut.

Obwohl meine Latenzphase nur langsam in Schwung kam, hatte ich zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, dass das ein Problem sei. Die Atmosphäre im Geburtshaus war durchweg heimelig und ruhig, und selbst wenn Antonia den Raum kurzzeitig verließ, fühlten wir uns dank der engen Absprache immer bestens aufgehoben.

Ein wenig später, zurück auf dem Bett, schlug Antonia vor, Buscopan zu geben, da die schmerzlindernde Wirkung auch förderlich für ein Fortschreiten der Latenzphase sein kann. Da wir die einzigen im Geburtsbereich waren, mopsten wir uns aus dem anderen Zimmer noch ein Tuch, sodass wir nicht nur das eine über der Wanne, sondern auch noch eines vor dem Bett hatten. Der Baby lag noch immer ein bisschen schräg und da auch das ein Grund für den langsamen Fortschritt sein könnte, versuchten wir erneut eine Forward-Leaning Inversion, was mir aber sofort starken Druck auf die Symphyse bescherte, weshalb wir das dann lieber gelassen haben. Um 14:15 platzte die Fruchtblase, während ich auf dem Geburtsbett lag – Hollywood like kam direkt eine ganze Flut Fruchtwasser raus. Irgendwann bin ich nochmal in die Geburtswanne, die wir diesmal mit deutlich weniger warmem Wasser füllten. Da vaginale Untersuchungen in der Wanne nicht so gut klappen, fragte ich Seb, ob man bei mir die „purple (butt) line“ sehen konnte, von der ich hörte, dass sie äußerlich einen Rückschluss auf die Eröffnung des Muttermundes zulässt. Und tatsächlich war meine wohl gut sichtbar – verrückt diese Natur. In der Wanne war ich, bis mein Muttermund dann irgendwann vollständig geöffnet war. Antonia sagte dann Nora Bescheid, damit sie als zweite Hebamme dabei sein und den Geburtsbericht bürokratisch festhalten konnte, während Antonia sich weiterhin ganz auf mich konzentrieren konnte.

 

Als etwas später endlich die Austrittsphase losging, die sich mit einem starken Press-Instinkt an den Ausklang einer Wehe anschloss, drehte sich mir erstmal der Magen um. Nicht so toll, da ich den ganzen Tag nur sehr wenig gegessen und getrunken hatte. Aber mir war einfach nicht danach. Zum Glück blieb es aber bei dem einen Mal und die Presswehen nahmen Fahrt auf. An die erste Freude über das Erreichen der letzten Etappe schloss sich schnell Ernüchterung an, denn der Baby schien den Kopf einfach nicht in den Geburtskanal schieben zu wollen, oder können. Immer mal wieder konnten Antonia und Seb Haare sehen, aber offenbar rutschte der Kopf dann auch ständig wieder zurück. Nach einigen Presswehen und Positionswechseln mit Akrobatikeinlagen in der Wanne unter Zuhilfenahme des Tuchs (echt wild, welche Positionen sich instinktiv richtig anfühlen), wechselte ich zwischen den Matten vor dem Bett und der Toilette hin und her. Nach einer Stunde Presswehen, die sich wie 3 anfühlten (ich war inzwischen seit mehr als 14 Stunden dabei), schlug Nora vor nochmal auf die Toilette zu wechseln. Als Antonia das zuvor vorschlug, hatte ich abgelehnt. Zum einen, weil ich mein Kind nicht auf dem Klo zur Welt bringen wollte (Spoiler: so schnell ging es eh nicht), zum anderen, weil jedes Mal, wenn ich mich setzte direkt eine Wehe losging und das echt anstrengend war. Nora sagte aber auch, dass die lange Zeit nicht nur für mich, sondern auch für der Baby über die Herztöne sichtbar anstrengend war. Und wenn die Geburt nicht bald deutliche Fortschritte machen würde, müsste man ernsthaft über einen Wechsel ins Krankenhaus sprechen. Das hat mich zum einen ziemlich gefrustet, hat aber auch meine Sturheit animiert. Ich dachte mir „Näh! Ich habe es soweit gebracht, ich habe nicht so hart gekämpft, ich kann das!“. Also zurück zur dilation-station. Antonia schlug zudem vor, mir ein homöopathisches Mittel zur Wehenförderung zu geben. Davon bekam ich zwischen den Wehen immer wieder einen kleinen Löffel. Selbst wenn kein Placebo Effekt eintrat, war es eine gute Gelegenheit, zumindest etwas Zucker und Wasser zu mir zu nehmen – schließlich hatte ich schon eine Weile weder gegessen noch viel getrunken. Um gezielter pressen zu können, empfahl mir Antonia, mit der Hand mitzufühlen. Außerdem erinnerte sie mich daran, die Energie, die ich bisher beim Schreien verloren hatte, stattdessen nach unten zu kanalisieren. Das hat gut geklappt und so haben der Baby und ich es dann endlich geschafft, den Kopf in den Geburtskanal so weit vorzuschieben, dass er nicht wieder zurück rutschte. Der „Ring of fire“ war nun deutlich spürbar und damit der Baby nicht doch auf dem Klo zur Welt kommt, sind wir dann nochmal auf die Matten vor dem Bett gewechselt. Seb stand vor mir und wir verschränkten die Hände in einem festen Kreuz-Griff. „Bei der nächsten Wehe, nimmst du jetzt alle Kraft die du brauchst und ziehst sie durch Sebs Arme in dich rein!“, sagte Nora. Als die Wehe kam, ging ich mit Schwung in eine tiefe Hocke, Seb stabilisierte mich dabei an den Händen und ich spürte wie der Druck und das Brennen augenblicklich nachließen >plopp<. Ich wusste, ich war gerade gerissen – und war heilfroh darüber. Denn ich wusste auch – der Kopf ist raus. Da der Baby in meiner tiefen Hocke keinen Platz hätte, wechselte ich in den Vierfüßlerstand. Nach einer kurzen Pause kam dann um 19:15 der Baby zur Welt.

„Wir müssen erstmal kurz auswickeln“ hörte ich von hinter mir. Die Nabelschnur war so lang, dass sie doppelt um den Hals und über jede Schulter gelegt war – zum Glück war sie aber nicht zugezogen. Der Baby wurde mir zwischen den Beinen durchgereicht und etwas unbeholfen nahm ich es hoch und legte mich zusammen mit Seb auf das Bett. „Was ist es denn jetzt eigentlich?“ fragte ich Antonia. „Keine Ahnung, schau doch nach!“. Etwas unbeholfen versuchten wir im gedimmten Licht etwas zu erkennen. „Ihr dürft es auch anfassen!“ ermunterte Nora. Und so stellte sich raus, der Baby war die ganze Zeit die Baby. Wir haben ein bisschen gekuschelt, und ich habe unsere Tochter das erste Mal angelegt, was glücklicherweise sofort gut geklappt hat. Nach einer Weile war dann auch die Plazenta2 soweit und diese konnte ich problemlos mit ein, zwei Mal pressen gebären. Als sie auspulsiert war, durfte Seb die Nabelschnur durchschneiden und Nora machte uns einen Abdruck. Ich konnte mich in der Wanne ein wenig abduschen, während Nora mit Seb die U1 durchführte. Dann wurde mein Dammriss untersucht und nach kurzer Rücksprache zum Glück entschieden, dass er noch vor Ort von Antonia genäht werden konnte.

Damit ich wieder etwas zu Kräften komme, hat mir Nora noch eine Tütensuppe zubereitet und auch Seb hat ein wenig gegessen. Und dann hieß es auch schon unser Baby, unsere Tochter, anziehen, ins Auto packen und ab nach Hause. Das Ganze kann ich am Besten mit dem Gedicht von Loryn Brantz zusammenfassen:

 

OTHERWORDLY

The moment you were born
They placed you on my chest

Miraculous
Otherwordly
Truely a gift

I looked down
and around
To my partner
My love

and thought
This is by far

The weirdest shit
We have ever done

– Loryn Brantz (Poems of Parenting)

 

1 Lange hatte ich nach einem kostengünstigen Hypnobirthing Kurs oder ähnlicher Methode gesucht und bin dann mit butterbean endlich fünding geworden. Wirklich ein ganz großartiges (englischsprachiges) kostenfreies Programm – kann ich nur allen empfehlen.

2 Immer noch ein wenig befremdlich, dass man sie mitnimmt und selber entsorgen muss 😅