Das volle Programm

Das volle Programm

Meine Chance, im Geburtshaus zu gebären, glitt mir langsam durch die Finger. Ich war bei SSW 41+4 – noch zwei Tage, und ich hätte zur Einleitung ins Krankenhaus gehen müssen. Die ganze Woche zuvor bin ich eng vom Hebammenteam des Geburtshauses begleitet worden, und ich habe dort und zu Hause verschiedene Methoden ausprobiert, um die Geburt in Gang zu bringen. (z.B. Wehentee, scharfes Essen, Eipollösung, Spinning Babies, lange spazieren gehen,…) 

An diesem Abend sind mein Mann und ich noch einmal durch die Nachbarschaft spazieren gegangen. Später zu Hause bin ich ein paar Mal die Treppen auf und ab gelaufen. Als ich im Bett lag, habe ich – wie jeden Abend – meinen Bauch massiert. Ich habe mit dem Baby gesprochen, wir haben die Schwangerschaft noch einmal gemeinsam „abgeschlossen“, dieses Kapitel für uns rund gemacht, und ich habe ihn eingeladen, bald zu uns zu kommen. 
Um 22:45 habe ich die Augen geschlossen, um zu schlafen. Um 23:15 bin ich plötzlich von einem ziehenden Schmerz im Bauch aufgewacht. Als ich mich leicht aufgerichtet habe, habe ich gespürt, wie etwas aus mir herauslief. Im Bad habe ich dann die feuchten Flecken auf meinem Nachthemd gesehen.  

Ich habe mich sauber gemacht und bin zurück ins Schlafzimmer gegangen, um meinen Mann zu wecken. Wir haben entschieden, noch ein bisschen abzuwarten. 

Die Wehen haben begonnen. Ich habe sie noch nicht genau gemessen – es war schwer zu sagen, wann sie anfingen und wann sie aufhörten. Mein Mann ist nochmal für etwa zwei Stunden eingeschlafen, während ich versucht habe, mich zwischen den Wehen zu entspannen, vielleicht kurz wegzunicken.  

Die Wehen habe ich weg geatmet, eine nach der anderen. Ich war viel auf dem Boden, auf zusammengelegten Matratzen. Auf dem Ball wollte ich nicht sitzen, aber ich habe mich darüber auf dem Bett abgestützt. 
Ich habe viel getrunken, aber keinen Hunger gehabt. 

Kurz vor fünf haben wir dann Irma angerufen. Sie klang wach – und auch ein bisschen freudig. Sie meinte, nach einem Blasensprung sollte man sich eigentlich direkt melden. Sie hat nach der Farbe des Fruchtwassers gefragt, nach der Menge, nach den Wehen. Auch, ob eine Hebammenstudentin während der Geburt dabei sein darf. 
Wir haben entschieden, uns in Ruhe auf den Weg ins Geburtshaus zu machen. Mein Mann war inzwischen ganz da und hat unglaublich viel geholfen – hat mich angezogen, mich während der Wehen gehalten, alles ins Auto getragen und mich hineingesetzt. Gegen sechs sind wir losgefahren, Richtung Hamburg. Wir haben Irma geschrieben, dass wir gegen sieben da sein würden. 

Während der Fahrt bin ich immer wieder kurz eingenickt – diese kleinen „Micro Naps“ zwischen den Wehen. 

Kurz nach sieben sind wir angekommen. Irma hat uns ins Geburtshaus hereingelassen. Ich habe mich umgezogen, wir sind ins blaue Zimmer gegangen. Die Wehen waren da, aber noch gut auszuhalten. Irma hat ruhig Fragen gestellt, hat zugehört, die Herztöne vom Baby kontrolliert und meinen Puls und Blutdruck gemessen. 

Ich war viel im Stehen, habe mich an meinem Mann festgehalten oder an der Stange an der Wand. Kurz war ich auf den Knien (Vierfüßlerstand) am Bett, aber das hat sich nicht gut angefühlt. Irma bot mir ein TENS-Gerät zur Schmerzlinderung an, da ich die stärksten Schmerzen im unteren Rücken verspürte. Ich nahm das Angebot an, und sie klebte mir die Elektroden auf den unteren Rücken. Ich trug das Gerät für ein paar Stunden, konnte mich aber nicht wirklich dafür begeistern und war auch nicht motiviert, das volle Potenzial davon auszuprobieren. Später habe ich ein komfortables Nachthemd angezogen. 

Irgendwann ist das Zeitgefühl einfach verschwunden. Es gab nur noch die Wehen. Irma hat mich vaginal untersucht und gesagt, dass ich gute Fortschritte mache – ohne Zahlen zu nennen. 

Dann hat sie vorgeschlagen, die Badewanne einzulassen. Im warmen Wasser war es so angenehm – vielleicht zu angenehm, denn ich bin zwischen den Wehen immer wieder kurz weggenickt. 
Irma erinnerte uns regelmäßig daran, genug zu trinken und zwischendurch etwas zu essen. Außerdem empfahl sie mir immer wieder, die Position zu wechseln, für ein paar Wehen aus der Badewanne herauszukommen oder einige Wehen auf der Toilette zu verbringen. Währenddessen ließ sie frisches warmes Wasser in die Wanne ein, weil das Wasser langsam zu kalt geworden war. 
Die Schmerzen waren inzwischen deutlich intensiver geworden, und ich veratmete die Wehen immer lauter. Mein Mann hat mir warmes Wasser über den Bauch gegossen während der Wehen. Irma hat regelmäßig die Herztöne des Babys kontrolliert. 

Mit der Zeit habe ich stärker zu pressen begonnen. Irma hat gesagt, ich darf dem Drang folgen. Beim letzten Check hat sie gemeint, es ist nur noch ein kleiner Rest Muttermund übrig.

Irgendwann kam auch die Hebamme Eline mit ins Zimmer. Sie war ebenfalls sehr freundlich, ruhig und unterstützend. 

Ich habe Positionen gewechselt, bin im Tuch gehangen, habe Ausfallschritte gemacht, bin auf allen Vieren gewesen. Irma und später auch mein Mann haben meinen unteren Rücken mit Lavendelöl massiert – das hat gut getan. Insgesamt fühlte ich mich wie in einem Spa; ich wurde von meinem Mann und dem Hebammenteam bestens betreut – sie brachten mir Getränke und Snacks, massierten mich, sorgten für frische Luft im Zimmer und schufen mit Aromatherapie eine beruhigende Atmosphäre. 

Dann habe ich noch einmal auf die Toilette gehen sollen. Dort ist der Pressdrang sehr stark geworden. Beim Aufstehen aus der Wanne habe ich bereits ein Brennen gespürt. Auf der Toilette noch stärker. 

Irma ist gekommen, hat mit einer Lampe geschaut – und hat gesagt, ich sollte einmal selbst an mir tasten. Da konnte ich mit meiner Hand Babys Hinterkopf fühlen. Mit Haaren. 

Wir sind zum Gebärhocker am Bett gegangen. Mein Mann hat hinter mir gesessen, Irma vor mir.  

Mit ein paar Presswehen ist der Kopf gekommen. Noch ein paar – und Baby ist geboren. Um 18:48 Uhr.  
Er hat sofort geschrien. Die Nabelschnur ist einmal um ihn gewickelt gewesen, aber Irma hat sie schnell gelöst. Sie hat uns ihn entgegen gehalten. Wir haben uns angesehen. Er ist ein großes Baby gewesen – später hat sich gezeigt: 4640 Gramm. 
So wunderschön. Einfach perfekt. 
Ich habe seine Hände berührt. Kurz darauf habe ich ihn auf meine Brust bekommen. 

Gemeinsam mit dem Baby trat eine große Menge Flüssigkeit aus – Fruchtwasser, vermischt mit Mekonium und Blut. 
Mit dem Baby auf meiner Brust wurden wir rückwärts ins Bett gezogen, um uns auszuruhen und die Quelle der Blutung ausfindig zu machen. 
Alles ist ruhig geblieben, aber fokussiert. Die verlorene Blutmenge wurde immer wieder kontrolliert und zusammengerechnet. 

Die Nabelschnur hatte inzwischen aufgehört zu pulsieren, deshalb sollte ich noch die Plazenta gebären. Dafür bekam ich eine Oxytocin-Injektion. Im Vergleich zur Geburt von Baby war die Plazenta schnell geboren, aber nach allem, was mein Körper bereits geleistet hatte, trotzdem unangenehm. 

Ich bekam einen Katheter, weil meine Blase sehr voll war und auf die Gebärmutter drückte. Nach einiger Zeit wurde dies wiederholt, insgesamt wurden fast zwei Liter Urin abgelassen. 

In der Zwischenzeit durchtrennte mein Mann unter Anleitung von Hebamme Eline die Nabelschnur. 
Danach hatten wir einen kurzen, ruhigen Moment nur für uns drei. Baby begann schon nach kurzer Zeit die Brust zu suchen und zu trinken. An der linken Brust klappte es sofort, rechts dagegen ein bisschen langsamer. 

Baby machte Geräusche beim Atmen – wir haben uns Sorgen gemacht. Irma hat eine Kinderärztin im Wilhelmstift ans Telefon geholt, um sich das anzuhören, sie konnte Entwarnung geben und meinte, wir sollten weiter beobachten und bonden. 

Die Hebammenstudentin zeigte uns anschließend die Plazenta – groß, kräftig, fast wie eine Leber – und machte für uns die Plazenta Abdrücke. 

Dann wurden meine Verletzungen versorgt – gemessen an der Größe des Babys nur geringfügig. Irma nähte alles direkt vor Ort, unterstützt von der Hebammenstudentin. Vorher trug sie ein betäubendes Gel auf, aber die Stiche waren trotzdem deutlich zu spüren, und ich fluchte zwischendurch immer mal wieder leise. 

Die Blutung lag inzwischen knapp über einem Liter. Deshalb wurde entschieden, mich zur Beobachtung ins Marienkrankenhaus zu bringen. Einen Krankenwagen wollten sie aber erst später rufen, sobald alles andere versorgt und geregelt war, denn trotz der stärkeren Blutung handelte es sich nicht um einen akuten Notfall. 

Es wurde mir ein Zugang für Flüssigkeitsinfusionen und zusätzliches Oxytocin gelegt. Auf meinem anderen Arm lag Baby und suchte die Brust, aber ich hatte keine freie Hand, um ihm richtig zu helfen. Mein Mann war gerade draußen, um die Babyschale und die Babysachen aus dem Auto zu holen, während Irma mich nähte, was trotz allem ziemlich unangenehm war. Es war viel auf einmal, alles gleichzeitig und emotional intensiv – aber all das dauerte nur einen kurzen Moment. 

Schließlich wurde der Krankenwagen gerufen, der innerhalb weniger Minuten ankam. In meinem Bademantel und den Netzunterhosen wurde ich zum Rettungswagen gebracht. Draußen nieselte es leicht, und die frische Luft fühlte sich unglaublich gut an. Irma begleitete mich ins Krankenhaus. Baby blieb zunächst mit seinem Vater im Geburtshaus, wo zusammen mit der Hebamme Eline die U1-Untersuchung durchgeführt wurde. Danach würden die beiden zu uns ins Krankenhaus nachkommen. 

Im Krankenhaus wurde ich gut versorgt. Irma übermittelte die medizinischen Informationen an das Krankenhauspersonal und blieb bei mir, bis mein Mann und unser Baby, begleitet von Eline, zu uns nachgekommen waren. 

Am Ende mussten wir eine Nacht zur Beobachtung im Marienkankenhaus bleiben. 
Am nächsten Tag musste Baby wegen eines Neugeboreneninfektionsverdachts dort in die Neonatalogie und wurde am Abend ins Kinderkrankenhaus Wilhelmstift verlegt, dort mussten wir noch fünf weitere Nächte bleiben.  
Am Morgen hat mein Mann mit Irma telefoniert und ein paar wertvolle Tipps für den Aufenthalt in der Intensivstation bekommen. Unsere Wochenbetthebamme konnte leider nicht zum Wilhelmstift kommen, deshalb hat Irma es möglich gemacht, dass Antonia außerplanmäßig am Nachmittag zu uns ins Wilhelmstift gekommen ist.  

Alles ist gut ausgegangen. Ich bin sehr dankbar, dass ich die Chance hatte, im Haus für Geburt und Gesundheit zu gebären. Mein Mann und ich sind sehr zufrieden mit der Kompetenz, Hilfsbereitschaft und Professionalität des gesamten Hebammenteams – vor, während und nach der Geburt.  
Auch das Nachgespräch mit Irma sechs Wochen nach der Geburt hat mir ein schönes Gefühl des Abschlusses gegeben. Dort habe ich zudem eine Kopie der ausführlichen Dokumentation des Geburtsverlaufs erhalten. 


Am Ende möchte ich noch erzählen, wie ich überhaupt dazu gekommen bin, mich für eine Geburt im Geburtshaus zu entscheiden. Ich selbst komme aus dem Ausland und hatte aus meinem Heimatland viele belastende und teilweise erschreckende Geschichten über Geburten im Krankenhaus gehört. Da mir mehr Selbstbestimmung, weniger Interventionen sowie eine natürlichere und individuellere Begleitung während der Geburt wichtig waren, standen Geburtshäuser für mich von Anfang an im Fokus. 

Das Haus für Geburt und Gesundheit war der zweite Ort, den mein Mann und ich bei einem Informationsabend besucht haben. Danach war unsere Entscheidung schnell getroffen, und wir meldeten uns dort für die Geburt an. 
Besonders wichtig war mir, die Hebammen schon vor der Geburt kennenzulernen – die Frauen, die möglicherweise bei meiner Geburt dabei sein würden. Genauso wichtig war mir aber auch, dass die Hebammen die Gelegenheit hatten, mich kennenzulernen. 

Ich lebe selbst erst seit einigen Jahren in Deutschland. Ich verstehe Deutsch sehr gut und kann mich auch ausdrücken, aber ich hatte die Sorge, dass ich in einer emotionalen und körperlich intensiven Situation wie einer Geburt möglicherweise nicht alles richtig verstehen oder mich nicht klar genug mitteilen könnte. Deshalb habe ich mich entschieden, die Kommunikation mit den Hebammen auf Englisch zu führen – auch wenn Englisch ebenfalls nicht meine Muttersprache ist. 

Diese Entscheidung hat sich für mich als genau richtig herausgestellt. Die Kommunikation hat wunderbar funktioniert, und ich bin allen Hebammen sehr dankbar, dass sie diesen zusätzlichen Schritt für mich gegangen sind. Diese Offenheit und Freundlichkeit haben mir ein Gefühl von Sicherheit und Vertrauen gegeben und die gesamte Erfahrung noch persönlicher gemacht.